Meine Plattenfirma meint, ich müsse mich vorstellen.
Also gut.

Ich heiße Schätzmeister. Meinen Namen erhielt ich vor unzähligen Jahren, als ich das Gewicht eines Wiener Straßenbahnwagons bis auf wenige Kilogramm genau erschätzte. Dazu reichte mir ein flüchtiger Blick auf den Wagon und mein umfangreiches Wissen auf dem Gebiet der Stahlverarbeitung. Aufmerksame Passanten proklamierten sogleich, ich sei ein wahrhaftiger Schätzmeister. Es handelt sich bei der Bezeichnung also weniger um einen Namen als vielmehr um einen Titel. Meinen bürgerlichen Namen vergaß ich schon wenige Tage nach diesem Vorfall.

In meinen ersten Jahren als Schätzmeister reiste ich viel umher und schonte mich nicht. Im Selbstversuch überlebte ich mehrere Pestepidemien in Nordafrika und Frankreich, machte in den Österreichischen Alpen mit meinen bloßen Händen ein beträchtliches Stück Land urbar und baute eine kleine Vieh- und Bienenwirtschaft auf. Ferner arbeitete ich beim Rundfunk als Co-Kommentator bei Übertragungen von beliebten Wintersportarten (namentlich Skifahren und Skispringen) und musste mir dafür perfektes und akzentfreies Tirolerisch aneignen (eine Grundvoraussetzung). Tirolerisch - eine Fertigkeit, die sich noch sehr oft als regelrecht lebensrettend erweisen sollte.
Ich entwickelte nach und nach ein unersättliches Interesse für Archäologie und ließ mich erst in Heidelberg und anschließend in Hallstatt nieder, um eigenhändig nach Salzleichen und versteinerten Bergmannsmahlzeiten zu graben. Die Funde, die ich Stück für Stück zu Tage förderte, hielten mir einerseits gnadenlos meine eigene Vergänglichkeit vor Augen und machten mir andererseits bewusst, dass ich meinen schier unersättlichen Wissensdurst auch mit noch so vielen Erkenntnissen zu Lebzeiten nicht würde stillen können. Im Gegenteil! Der Durst wurde immer größer und unerträglicher.
Innerlich zerrissen und den Revolver schon in der Hand suchte ich Zuflucht im Glauben und infolgedessen in einem Kloster nahe Venedig. Ich verschrieb mich der Fürsorge Bedürftiger, geißelte mich täglich selbst und erwischte mich nach wenigen Wochen erst recht wieder dabei wie ich, unter einem Tisch in der Klosterbibliothek kauernd, nächtens heimlich die alten Meister studierte. Alles umsonst!
So beschloss ich von nun an in völliger Askese und Isolation zu leben, denn das schien mir zu jenem Zeitpunkt der einzige Ausweg aus meiner Misere. Ich bestellte im Internet ein kleines Stück Land, grub mir darauf eine Loch in die Erde und verbrannte all mein Hab und Gut, inklusive Kleidung und Bargeld. Auf diese Art vegetierte ich eine unbestimmte Zeit lang vor mich hin, lebte mit den Gezeiten, kroch bei Tagesanbruch aus meinem Loch, ernährte mich von Beeren, Knospen und Käfern und glitt mit der Abenddämmerung wie von selbst wieder in meine Höhle zurück. Ich ward ganz und gar Pflanze!
Als ich mich eines Tages plötzlich dabei ertappte, wie ich völlig von Sinnen auf einen unschuldigen Steinpilz einredete, er möge sofort seine Aktien an mich abtreten, da ich ihn sonst umgehend den Schergen des Tannenkönigs ausliefern würde, erkannte ich die Gefahr, die meine Lebensweise barg. Außerdem hatte ich genug von der Askeserei und ich beschloss mich einem der zahlreichen Wanderzirkusse anzuschließen, die damals das Land regelrecht überfluteten.
Weil ich in den Erdlochmonaten einerseits sehr stark abgenommen und andererseits (zumindest in den ersten Tagen, als ich noch bei Verstand war) sehr viel Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, beschloss ich aus Prinzip nie wieder körperliche Arbeit zu verrichten und fortan nur noch meinen Kopf zu gebrauchen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch! Ich tat dies nicht aus Verachtung der körperlichen Arbeit an sich gegenüber, sondern um, wenn auch nicht signifikant, so zumindest tendenziell, das Missverhältnis auszugleichen, zwischen jenen Menschen die denken und jenen die das aus Prinzip nicht tun.
Der Direktor des Zirkus war ein radikaler Humanist und sehr auf die Bildung seiner Artisten bedacht. Meine Aufgabe im Zirkus war es also mein beispielloses Wissen mit den Zirkusleuten zu teilen und ihnen jede Frage zu beantworten, die sie an mich herantrugen. Einmal sagte der Direktor zu mir, ich sei etwas ganz einzigartiges und ihm käme vor, als stückelte ich die Geschichte in zwei Teile. Man hätte entweder vor mir gelebt oder man werde nach mir leben. Ich selbst sei kein Teil der Geschichte. Ich wusste genau was er damit meinte, zumal ich auch wusste bei wem er diese Phrase gestohlen hatte. Und wiewohl ich mir sicher war, dass er nicht verstand was er sagte, fühlte ich mich geschmeichelt – weil er schließlich recht hatte.
Wie auch immer. Ich wurde gut bezahlt und gewaschen, bekam mehrmals täglich zu essen und genoss hohes Ansehen unter dem Zirkusvolk. Dies war auch die Zeit, da ich begann mich gut zu kleiden, stets auf eine saubere Rasur zu achten und mich dezent mit Glasperlen und anderem wertvollen Geschmeide zu schmücken. Bald trug ich nur noch den besten Zwirn und galt als unfehlbare Stilikone. Aber glücklich war ich trotzdem nicht. Ich begann zu grübeln und kam zu dem Schluss, dass ich als Pflanze im Erdloch die schönsten Momente meines Lebens gehabt hatte. Ich suchte beim Zirkusdirektor, diesem verschissenen Bildungs-Fetischisten um meine Entlassung an und beschloss einen Neuanfang zu riskieren.
Da ich gerade kein Erdloch zur Hand hatte und keine Zeit verlieren wollte, begab ich mich kurzerhand in eine halbwegs erträgliche Sitzposition, mit dem Kopf zwischen den Knien und verharrte so mehrere Monate lang. Alles was ich in dieser Zeit tat, war die Sonnenauf- und Untergänge, die ich als graduelle Veränderung der Intensität des Schmerzes auf meiner nackten Haut wahrnahm, zu zählen. Ich hatte nie traumlosere Nächte – und das war gut so.
Wiederum, wie damals bei meiner Namensgebung, mischten sich couragierte Passanten maßgeblich in mein Leben ein. Dieses Mal indem sie mich von Zeit zu Zeit mit Wasser überschütteten, mit getrockneten Früchten fütterten und mich so am Leben hielten.
Ganz unten bzw. am Gipfel meiner Bestimmung angekommen (man kann es sehen wie man will) trat Hans Unstern in mein Leben. Er war einer der lieben Menschen, denen anscheinend etwas an meinem Überleben lag und er ging, verglichen mit den anderen, noch einen Schritt weiter.
Unstern war damals als Salzholzhändler unterwegs. Seine Handelsroute führte dicht an meinem Sitzplatz vorbei. Eines Tages, nachdem er mir zwei getrocknete Trauben und eine halbe Feige in den Mund geschoben hatte, schenkte er mir sein schönstes Stück Salzholz, half mir auf meine schwachen, krummen Beine und bat mich auf seine Kutsche. Hans nahm mich mit auf seine Handelsreise Richtung Morgenland und lehrte mich während der beschaulichen Fahrt auf dem Salzholz zu spielen. Erst trug mir Unstern seine zauberhaften Lieder vor, dann versuchte ich mit einzustimmen und bald schon erfand ich meine eigenen kleinen Weisen, jede für sich ein bescheidener Zeuge meines bisherigen Lebens.
Hans war davon sehr angetan und meinte es treffe sich gut, dass das Ziel seiner Handelsreise Antiochia sei. Dort floriere nämlich die Salzholz-Szene gerade ganz prächtig und ich fände bestimmt jemanden, der meine Stücke veröffentlichen würde.
Und wie recht Hans Unstern nicht hatte! Die Gruppe Ja, Panik war auf Anhieb bereit mein Liedgut für ein konventionelles mitteleuropäisches Instrumentarium um zu arrangieren (drüben in Mitteleuropa wolle man keine Salzholzmusik hören, meinten sie) und auf einer so genannten Schallplatte zu veröffentlichen.
Das ist die ganze Geschichte, nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht bleibe ich jetzt länger hier in Antiochia, bis jetzt gefällt es mir noch recht gut.

Schätzmeister, am Abend.

P.S.: Ich hab mich dazu entschlossen den Wurstvogel als Wappentier für die Platte zu wählen, da dieser seltene Vogel das mit Abstand anmutigste Tier ist, das mir im Zuge meiner vielen Reisen untergekommen ist. „Money“ im Titel deshalb, weil es gut aussieht und sich besser verkauft, das meinen zumindest die Herren von Ja, Panik.